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Bible InterpretationAugust 17, 2026· 4 min

Sind Silvanus und Timotheus Mitverfasser des 1. Thessalonicherbriefs?

In short

Debated

Der genaue Grad, zu welchem die beiden Mitabsender auch Mitverfasser waren, ist unmöglich festzustellen. Der biographische Hintergrund des Silvanus als Autoritätsperson, kombiniert mit der fast durchgängigen Verwendung von „Wir" im Brief, macht zumindest bei Silvanus eine gewisse Teilhabe an der Komposition wahrscheinlich – auch wenn das primäre Diktat von Paulus kam, was an der wiederholten Verwendung von „Ich" erkennbar ist.

Paulus zeigt in den Briefen des Neuen Testaments die kulturell ungewöhnliche Praxis, Mitabsender zu nennen, womit sich die Frage stellt, inwieweit diese auch an der Erstellung des jeweiligen Briefes beteiligt waren. In 1. Thessalonicher findet sich wieder so ein Fall, wo geschrieben steht:

Paulus und Silvanus und Timotheus der Versammlung der Thessalonicher in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade euch und Friede!

1. Thessalonicher 1,1(ELB CSV)

Dabei gibt es mehrere Optionen, denn das reine Nennen von Mitabsendern muss nicht zwingend beinhalten, dass diese den Brief mitverfasst haben, sondern kann auch aus anderen Gründen geschehen, „etwa um der Gemeinde den Verbleib von Personen mitzuteilen, mit denen sie bekannt waren, oder um die Autorität des Überbringers eines bestimmten Briefes zu stärken"[1].

Um die Frage zu klären, zu welchem Grad Silvanus und Timotheus an der Komposition des Briefes mitgewirkt haben, muss man mehrere Argumente beachten, sowohl die dafürsprechenden als auch die dagegensprechenden.

Bruce sieht in der Nennung nicht notwendigerweise „eine reine Höflichkeitsgeste"; stattdessen könnten die beiden „in verantwortlicher Weise an der Abfassung des Briefes mitgewirkt" haben[2]. Als Unterstützung hierfür sieht er unter anderem den Hintergrund von Silvanus, welcher „im Verhältnis zu Paulus eine unabhängigere Stellung" einnahm: „Er war kein Bekehrter von Paulus (wie Timotheus); er war Mitglied der Jerusalemer Gemeinde, genoss das Vertrauen ihrer Führungspersonen und war dort selbst einer der ‚führenden Männer unter den Brüdern' (Apg 15,22)." Dieser Hintergrund macht es für Bruce wahrscheinlich, dass er „in einem substanziellen und nicht bloß nominellen Sinn" Mitabsender ist[3].

Unterstützt wird solch eine Leseweise auch dadurch, dass sich die erste Person Plural fast durchgängig durch den Brief zieht[4].

Wanamaker hingegen postuliert, „dass der Brief in erster Linie als Ausdruck des Denkens des Paulus gelesen werden sollte"[5]. Als Gründe hierfür führt er die Passagen an, in denen die erste Person Singular benutzt wird, so beispielsweise 1. Thess 2,18:

Deshalb wollten wir zu euch kommen (ich, Paulus, nämlich), einmal und zweimal, und der Satan hat uns daran gehindert

1. Thessalonicher 2,18(ELB CSV)

Unterstützt wird dies auch durch sein Verständnis, dass sich 1. Thess 3,5 auf Paulus beziehen muss, wobei die „betreffende Stelle ein Ereignis betrifft, bei dem Timotheus als Stellvertreter für die Person gesandt wurde, die hinter dem ‚Ich' steht", was angesichts seiner Nennung als Mitabsender bemerkenswert ist. Eine weitere unterstützende Passage sieht er in 1. Thess 5,27:

Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass der Brief allen heiligen Brüdern vorgelesen werde.

1. Thessalonicher 5,27(ELB CSV)

Hierzu schreibt er: „Die schiere Autorität dieser Anweisung setzt einen Verfasser von der Statur des Paulus voraus, der seinen Lesern eine solche Forderung auferlegen konnte"[6].

Der Grund für die Nennung der Mitabsender könnte so darin bestehen, dass Paulus deutlich macht, „dass er mit dem, was er in diesen Dokumenten sagt, nicht allein steht oder spricht. Er spricht für ein Dienstteam, was die rhetorische Kraft und Autorität des Gesagten verstärkt. Das Gesagte abzulehnen bedeutet somit nicht nur, das Wort des Paulus abzulehnen"[7]. Wanamaker nennt noch weitere Gründe: Zum einen hatten Silvanus und Timotheus noch „Anteil an der Missionsarbeit in Thessalonich", was eine Nennung durchaus begründen kann, zum anderen könnte die Nennung ihre Rolle als Überbringer des Briefes bestätigen. „In hellenistischen Briefen wurde der Bote, der den Brief überbringen sollte, oft genannt, um ihn mit dem Verfasser in Verbindung zu bringen und dadurch zu garantieren, dass das, was er bei der Auslegung des Briefes zu sagen hatte, vom Verfasser autorisiert war."[8] Sollte einer von beiden den Brief überbracht haben, könnte dies auch eine Erklärung bieten.

Der genaue Grad, zu welchem die beiden nun an der Komposition des Briefes beteiligt waren, ist unmöglich zu bestimmen. Ich finde Fees Zusammenfassung am überzeugendsten: Der Wechsel zur ersten Person Singular macht deutlich, „dass der Brief letztlich von ihm [Paulus] stammt oder dass er zumindest derjenige war, der das eigentliche Diktat gab"; zugleich spricht „die Tatsache, dass Paulus Silas an dieser Stelle als einen der Verfasser nennt, und seine im Wesentlichen konsequente Verwendung des ‚Wir'" wahrscheinlich dafür, „dass Silas bei dem Brief eine größere Rolle spielte, als lediglich danebenzusitzen und Paulus beim Diktieren zuzuhören."[9]

Footnotes

  1. [1]Andreas J. Köstenberger und Richard D. Patterson, Invitation to Biblical Interpretation: Exploring the Hermeneutical Triad of History, Literature, and Theology, Invitation to Theological Studies Series (Grand Rapids, MI: Kregel Academic & Professional, 2011), 456.
  2. [2]F. F. Bruce, 1 and 2 Thessalonians, Bd. 45, Word Biblical Commentary (Dallas: Word, Incorporated, 1982), 6.
  3. [3]Bruce, 1 and 2 Thessalonians, xxxii.
  4. [4]Gordon D. Fee, The First and Second Letters to the Thessalonians, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publishing Co., 2009), 13.
  5. [5]Charles A. Wanamaker, The Epistles to the Thessalonians: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI: W.B. Eerdmans, 1990), 67.
  6. [6]Wanamaker, Epistles to the Thessalonians, 67–68.
  7. [7]Ben Witherington III, 1 and 2 Thessalonians: A Socio-Rhetorical Commentary (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publishing Co., 2006), 47.
  8. [8]Wanamaker, Epistles to the Thessalonians, 68.
  9. [9]Fee, First and Second Letters to the Thessalonians, 13.
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