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Bibelauslegung12. August 2026· 3 min

War das ‚Nadelöhr‘ in Markus 10,25 wirklich ein Tor in der Stadtmauer von Jerusalem?

Kurz gesagt

Nein

Es gibt keinerlei historische Belege für die Existenz eines Stadttores zur Zeit Jesu, das ‚Nadelöhr‘ genannt wurde. Das oft zitierte Tor stammt erst aus dem Mittelalter und trug diesen Namen nicht. Eine darauf basierende Auslegung widerspricht somit sowohl dem historischen als auch dem sachlichen Kontext der Bibelstelle.

In Markus 10,25 befinden wir uns im größeren Kontext der Konfrontation Jesu mit dem sogenannten Reichen Jüngling. Dieser gehörte wahrscheinlich „zur aristokratischen, landbesitzenden Elite von Peräa, das von Antipas, dem Tetrarch von Galiläa, regiert wurde". Dies kann man daran erkennen, dass Lukas ihn einen „Oberen" (archōn) nennt (Lk 18,18) und dass Markus ihn beschreibt als eine Person mit viel Vermögen (Mk 10,22)[1]. Sein Reichtum sollte sich jedoch entgegen der allgemeinen Sicht von Reichtum als Zeichen des Segens Gottes[2] als Hindernis für seinen Eintritt in das Reich Gottes darstellen.

Auf seine Frage hin: „Guter Lehrer, was soll ich tun, um ewiges Leben zu erben?" (Mk 10,17), weist Jesus ihn nach einem kurzen Dialog auf sein größtes Hindernis hin, und zwar auf seine Besitztümer (Mk 10,21). Jesus ruft ihn zu einem radikal anderen Lebensstil auf, indem er „sich der wandernden Gruppe von Jesu engsten Jüngern anschließen, mit ihren gemeinsamen Mitteln und ihrer Abhängigkeit von der materiellen Unterstützung anderer"[3] sollte. Hierzu war der reiche Jüngling allerdings nicht bereit, wobei uns Markus seine vielen Besitztümer als den Grund hierfür nennt, und so ging er weg. Jesus nutzte diese Gelegenheit, um eine generelle Lehre über Reichtum aufzustellen. „Weit davon entfernt, der Vorteil zu sein, den die Welt annimmt, ist Besitz an sich ein Hindernis für den Eintritt in das Reich Gottes."[4]

Um die Schwierigkeit des Eintritts ins Reich Gottes darzustellen, benutzt Jesus nun in Vers 25 ein Epigramm, um gerade die Unmöglichkeit ohne Gottes Eingreifen (Mk 10,27) zu verdeutlichen:

Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe.

Mk 10,25(ELB CSV)

Dies stellt ein jüdisches Sprichwort dar, um eine Unmöglichkeit zu beschreiben. Das Kamel bietet sich hier als das größte in Palästina heimische Tier für so ein Sprichwort an; babylonische Juden sprachen stattdessen von einem Elefanten[5]. Hingegen gab es kein kleineres Loch als das „Öhr einer Nadel (rhaphis), die zum Nähen verwendet wird"[6]. Es ist unmöglich für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, und das ist gerade der Punkt des Sprichwortes.

Manche versuchen dies jedoch stattdessen mit einem angeblichen Tor in Jerusalem zu erklären, welches vermeintlich das Nadelöhr genannt wurde. So wird erklärt, dass „das Nadelöhr" die Bezeichnung für eine kleine Pforte innerhalb des großen Doppeltors der Stadtmauer war. Durch dieses könne man zwar als Fußgänger hindurchtreten, ohne dass das große Tor geöffnet werden müsse, bei einem Kamel hätte aber gewöhnlich das große Tor geöffnet werden müssen. Um durch das Nadelöhr zu kommen, hätte dieses sich bücken und seine Lasten ablegen müssen, um so durchgelassen zu werden. Diese Auslegung wird bei Witherington auf einen Ausleger im 9. Jahrhundert zurückgeführt[7], bei Schnabel auf Theophylakt aus dem 11. Jahrhundert[8], und wurde wohl erst im 19. Jahrhundert großgemacht[9]. Für die Existenz so eines Tores zur Zeit Jesu, das Nadelöhr genannt wurde, gibt es jedoch keinen einzigen Beweis. France schreibt passend: „Es gibt nicht den geringsten Beweis für diese Gleichsetzung. Diese Tür wurde in keiner Sprache jemals Nadelöhr genannt und wird auch heute nicht so genannt. Noch schlimmer als der Mangel an Beweisen für diese Mutmaßung ist jedoch ihre Wirkung, die eigentliche Pointe des Sprichworts zu untergraben. Was Jesus als lächerlich unmöglich darstellte, wird in eine vage Möglichkeit verwandelt: Der Reiche könnte sich, bei ausreichendem Abladen der Last und genügend Demut, womöglich doch noch hindurchzwängen. Das war nicht der Sinn von Jesu Sprichwort, und so haben es auch die Jünger nicht verstanden (V. 26)."[10] Auch Keener schreibt: „Diejenigen, die glauben, dass Jesus sich hier lediglich auf ein Tor in Jerusalem bezieht, das ‚Nadelöhr' genannt wurde, irren sich; das angebliche ‚Nadelöhr'-Tor wurde erst im Mittelalter erbaut."[11]

Fußnoten

  1. [1]Eckhard J. Schnabel, Mark: An Introduction and Commentary, hg. von Eckhard J. Schnabel, Bd. 2, Tyndale New Testament Commentaries (London: Inter-Varsity Press, 2017), 239.
  2. [2]R. T. France, The Gospel of Mark: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI; Carlisle: W.B. Eerdmans; Paternoster Press, 2002), 399.
  3. [3]France, Gospel of Mark, 403.
  4. [4]France, Gospel of Mark, 404.
  5. [5]Craig S. Keener, The IVP Bible Background Commentary: New Testament, 2. Auflage (Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2014), 154.
  6. [6]Schnabel, Mark, 243.
  7. [7]Ben Witherington III, The Gospel of Mark: A Socio-Rhetorical Commentary (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publishing Co., 2001), 284.
  8. [8]Schnabel, Mark, 243.
  9. [9]France, Gospel of Mark, 405.
  10. [10]France, Gospel of Mark, 405.
  11. [11]Keener, IVP Bible Background Commentary, 154.
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