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Bibelauslegung30. August 2026· 2 min

Warum nennen sich Christen ‚Brüder'?

Kurz gesagt

Dass Christen einander Brüder nennen, basiert auf der theologischen Überzeugung, welche die Christen als von Gott adoptiert sieht und Gott als ihren Vater. Der Gebrauch sorgt für die Erschaffung einer Gruppenidentität und hat so auch eine soziologische Funktion.

Wer das Neue Testament liest, dem wird auffallen, dass Christen sich oft mit dem Begriff Bruder ansprachen oder übereinander sprachen.

Der Begriff Bruder für andere Mitglieder der eigenen religiösen Gemeinschaft findet sich bereits zur neutestamentlichen Zeit in der griechisch-römischen Welt[1]. Des Weiteren wurde er auch „im Judentum verwendet, um Gruppenidentität [...] auszudrücken (z. B. Dtn 15,3.12; Philo, Spec. Leg. 2.79f.; Josephus, Ant. 10.201)"[2]. Letzterer Gebrauch führte wohl zu einer Übernahme dieser Sprache in den christlichen Gebrauch. Die Sprache von den Jüngern als Brüder findet sich im Neuen Testament zuerst bei Jesus, welcher spricht:

Und er antwortete ihnen und spricht: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er blickte umher auf die im Kreis um ihn her Sitzenden und spricht: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Markus 3,33–35(ELB CSV)

Besonders im Kontext des Markusevangeliums ist so eine Aussage bemerkenswert, wenn man sie auch nicht überinterpretieren sollte, da Markus besonders Jesu einzigartige Autorität als Sohn Gottes zeigt[3]. Diese Auffassung seiner Jünger als Familie sollte sich dann auch im Umgang miteinander äußern:

Ihr aber, lasst euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.

Matthäus 23,8(ELB CSV)

France schreibt hierzu: „‚Rabbi' (V. 8) und ‚Meister' (V. 10) fungieren hier wahrscheinlich als Synonyme. Es sind Titel, die nur dem einen Lehrer (V. 8), dem Christus (V. 10), gebühren, im Verhältnis zu dem alle seine Nachfolger als Brüder auf gleicher Stufe stehen."[4]

Die Apostel greifen diese Wortwahl dann wieder auf. Das Wort passte nämlich „besonders gut zur Überzeugung der Christen, dass sie die adoptierten ‚Kinder' Gottes waren (Röm 8,14–23; Gal 3,26; 4,4–7) und ihn ihren ‚Vater' (Röm 8,15; Gal 4,6) sowie seinen Sohn, Jesus Christus, ihren ‚Bruder' nennen konnten (Röm 8,29)"[5]. Daraus resultierte logischerweise auch, dass die Mitchristen Brüder und Schwestern sind, und es macht verständlich, warum sich diese Wortwahl in der frühen Christenheit durchgesetzt hat. Wanamaker weist dabei auch noch auf die soziologische Funktion hin, die diese Worte hatten, da sie nämlich „zum Entstehen eines starken Verwandtschaftsgefühls" unter den Christen führten und sie so „eine neue soziale Identität" erlangten, „während frühere verwandtschaftliche und soziale Bindungen unter den Anforderungen ihrer neuen religiösen Verpflichtungen zerbrachen"[6]. Der Begriff spiegelt also nicht nur eine theologische Realität wider, sondern seine Benutzung hatte auch praktische soziale Auswirkungen.

Fußnoten

  1. [1]Jeffrey A. D. Weima, Baker Exegetical Commentary on the New Testament: 1–2 Thessalonians, hg. von Robert W. Yarbrough und Robert H. Stein (Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2014), 89.
  2. [2]Charles A. Wanamaker, The Epistles to the Thessalonians: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI: W.B. Eerdmans, 1990), 77.
  3. [3]R. T. France, The Gospel of Mark: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI; Carlisle: W.B. Eerdmans; Paternoster Press, 2002), 180.
  4. [4]R. T. France, Matthew: An Introduction and Commentary, Bd. 1, Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 328.
  5. [5]Weima, 1–2 Thessalonians, 89.
  6. [6]Wanamaker, Epistles to the Thessalonians, 77.
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